Die Texte

Ich schreibe über große Fragen und kleines Glück, manchmal mit Goldrand, öfters nach oben hin offen. 
Hier campieren ein paar Herzenstexte, die anderen wohnen auf meinem Blog. 

Grazie

„Grazie“ sagt man in Italien, wenn man sich bedankt. Und „Grazie“ sagt man in Deutschland, wenn man eine Haltung einnimmt, die von Dankbarkeit geprägt ist. In dieser Haltung richte ich mich auf und die anderen auch. Ich bin gnädig bei Fehlern, auch wenn sie mir selbst unterlaufen. Ich unterstelle anderen prinzipiell das Gute. Eine solche Haltung ist schön. Und macht schön, innerlich und äußerlich. 

Die Grazie ist etwas aus der Mode gekommen in einer Gesellschaft, die vor allem effizient, schnell und perfekt sein möchte. Aber das können die Maschinen schon jetzt besser als wir. Wagen wir also ein bisschen mehr Grazie. Nur probehalber, vielleicht zwei Stündchen pro Tag. Zwei Stündchen, in denen wir uns nicht ärgern über das, was nicht nach Plan läuft, sondern auf das schauen, was abseits des Plans möglich wird. Zwei Stündchen, in denen wir üben dürfen und es zweite Chancen im Sonderangebot gibt. Zwei Stündchen, in denen wir sehenden Auges ins Glück rennen und dort verweilen. 

Ich denke, wir wären danach zwei Zentimeter größer und 150g erleichterter. Grazie!

Unverhofft

 Da bin ich!“,
ruft das neue Leben,
und zupft ein paar neue Zweige aus dem Olivenbaum,
und malt in pinken Lettern das Wörtchen „unverhofft“ an eine Betonwand,
und hakt sich beim Frühling unter.
„Ich bin bereit…“, juchzt es, und schaut dich erwartungsfroh an. „Und du?“

Ode an die Poesie

Wenn du dein blaues Band durch Frühlingslüfte flattern lässt
Bekomme ich Appetit aufs Leben
Wenn du mit Worten und Wundern jonglierst
Fange ich ein paar davon auf

Wenn du sprichst
Zart, leise und bedacht
Klar, laut und lebendig
Bin ich getröstet und getrost

Manchmal rüttelst du mich wach
Manchmal durchheiterst du meinen Tag
Und manchmal schenkst du mir ein Zauberwort
Für das Kommende
Das werden könnte
Wenn ich lausche
Jetzt

Bunt beschirmt


Lass dich locken 
von neuen Wegen!

Lass dich tragen 
von alten Gewissheiten! 

Lass dich beschirmen 
von einem, der gern Ja sagt
zu dir und deinem Leben!

Lass dich beschenken 
mit Farben für kommende Tage - 
regenbogenbunt! 

Die Liebe feiern

 

gemeinsame Träume & allein Verwirklichtes

große Liebe & kleine Gesten

Herzklopfen & Handreichen

Feste feiern & Tränen trocknen

lieben & lieben lassen

Pläne machen & Alltagsglück schätzen

mal Puzzlestück & mal Sand im Getriebe

 

zwischen Freiheit & Verbundenheit

wird aus „du“ & „ich“ nicht „eins“

sondern „wir“

 

Gott sei Dank! 

Vertrauensübungen 


Sich eine Weile selbst beobachten und merken: Die Füße tragen. Das Herz pumpt. Die Schramme heilt. 

Sich etwas schenken lassen. Zum Beispiel Meeresrauschen oder eine Blutorange oder zweiundzwanzig Minuten oder ein Kompliment.

Die eigene Geschichte aufschreiben. Samt allem, was glückte, manchmal ganz ohne mein Zutun.

Einmal keinen Plan machen und schauen, was passiert. 

Sich in den Schlaf fallen lassen. 

Vertrauensbrüche nicht kleinreden. 

„Trotzdem“ und „gleichzeitig“ in den aktiven Wortschatz aufnehmen. 

Ab und an schon so leben, als hätte man volles Vertrauen ins Leben. Auch wenn es sich am Anfang noch etwas holprig anfühlt. 

Jux und Tollerei

In einem Paralleluniversum ist Spielen ein Hauptfach. Die wichtigste Währung ist erfüllte Zeit und Frieden ist ein Tuwort. Aus dem zweiten Wasserhahn kommt wahlweise Bionade oder Cappuccino. Ehrenamt ist Standard, dafür gibt es keine 40-Stunden-Woche mehr. Es gibt ein Café für Einsame, die dann zweisam an der Dreisam sitzen (es bietet sich natürlich auch die Donau, der Rhein oder die Glems an) und gar nicht mehr einsam sind. Fremden wird prinzipiell erstmal das Beste unterstellt; das Misstrauen hat schon lange kein Futter mehr bekommen und sieht ganz mager aus. Psycholog*innen schulen um und arbeiten jetzt nur noch präventiv und halbtags. Der Spaziergang für die mentale Gesundheit ist nicht mehr stupid, sondern tut einfach gut. Weil man keine 40 Stunden mehr arbeiten muss (s.o.), kann man ab und zu mal Dinge aus Jux und Tollerei tun. Einen anderen Beruf ausprobieren zum Beispiel. Oder einen Salat aus Unkraut zubereiten. Fußball gibt es natürlich auch, nur in fair und ohne Korruption. 
 
Manchmal spiele ich, zwei Parallelen schneiden sich, und dann ist das Universum plötzlich gar nicht mehr so parallel, sondern hier und jetzt und Möglichkeit. 
Spielst du mit?  

Sonntagsfragen

Wo (ver-)suchst du dein Glück?
Was gönnst du dir und warum?
Wonach kräht kein Hahn mehr?
Was hast du zu verschenken?

Welches Verhältnis hast du zu Zeit?
Wo kannst du es dir leicht(er) machen?
Was erfrischt dich?
Wie redest du über dich und andere?
Was ist dir heilig?

Satz mit X - Leben mit Leerstellen

Früher, im Matheunterricht, da war X eine Unbekannte, die nicht lange unbekannt blieb. Sie war ein Platzhalter für eine Zahl, die man mit ein bisschen Überlegen herausfinden konnte. Eine schnell zu füllende Leerstelle sozusagen.

 

Heute, in meinem Leben, da gibt es auch einiges, was noch unbekannt ist. X steht nicht mehr für eine Zahl, sondern für Antworten: Was brauche ich zum Glücklichsein? Wie kann ich für die Veränderung (im Leben oder in der Welt) sorgen, die ich mir wünsche? Was will ich in den nächsten Monaten tun? Was kommt nach dem Tod?

 

Die Mathe-Methode greift hier aber leider nicht mehr. X lässt sich nicht mit ein bisschen Rechnerei bestimmen. Aber wie dann? Rainer Maria Rilke schreibt in seinen Briefen an einen jungen Dichter:

 

Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

 

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken, eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

 

Ich bin sehr dankbar für diese Antwort. Rilke macht mir kein X für ein U vor. Ja, er ist neugierig auf die Antworten, so wie man hineingehen will in fremde Stuben und lesen will, was in einer fremden Sprache geschrieben steht. Er weiß aber auch, dass es diese Antworten nicht immer (schnell) gibt. Und dann kommt eine Überraschung: Man kann etwas tun und es hat nicht mit den Antworten zu tun, sondern mit den Fragen selbst: Geduld mit ihnen haben, sie liebhaben, sie leben. Spätestens hier wird klar, dass Rilke Poet und nicht Mathematiker ist. Statt die Antworten unter Druck zu suchen oder an ihrem (vorläufigen) Ausbleiben zu verzweifeln, nimmt er die Fragen in den Arm. Sie sind die Gefährten, mit denen er lebt. Sie haben ihre Berechtigung und halten etwas offen. Wie Leerstellen, die man nicht gleich füllen muss, vielleicht sogar nie.

 

Ich bin gewiss, dass es viele Fragen gibt, auf die ich Antworten finden kann, manche vielleicht sogar mithilfe der Mathematik. Andere Fragen begleiten mich schon länger und ich versuche, sie ab und zu freundlich in die Seite zu knuffen: „Da bist du ja noch immer. Setz dich doch für eine Weile!“ Liebhaben, liebgewinnen ist ein Prozess und braucht Zeit.

Manche Fragen tun aber auch einfach weh. Sie auszuhalten ist dann das höchste der Gefühle. Vielleicht kann man das auch gar nicht allein, sondern nur zusammen.

Und dann gibt es Fragen nach dem großen Ganzen. Spätestens hier muss ich erkennen, dass sie Leerstellen bedeuten, die in diesem Leben nur vorläufig gefüllt werden: mit Trauer und Sehnsucht, mit Zweifel und Erschöpfung, mit Trotz und Hoffnung, mit vorläufiger Erkenntnis und Sekundenglück. 

 

Die großen Fragen des Lebens – ein Satz mit X? Das Leben mit Leerstellen – mangelhaft? Ja, wenn man das Leben als Gleichung betrachtet, die man lösen muss. Nein, wenn das Leben ein Geschenk sein darf und etwas, das mir zugemutet wird. Mit allen Leerstellen und in all seiner Fülle. 

Was macht man mit der Ungeduld?

 

Was macht man mit der Ungeduld?

 

Man kann sie zum Beispiel portionieren: in Tage und Türchen, in Plätzchen und Projekte.

Oder man reibt sie blitzeblank und behängt sie mit einer Lichterkette.

Man könnte sie auch wegschlummern, eingehüllt in warme Decken und Orangenduft.

Vielleicht vergisst man sie dann bei allem wonnevollen Tun und Lassen.

Vielleicht merkt man: Advent ist ein way of live.

Segen wie Raureif

Segen wie Raureif wünsch ich dir

Der sich ganz leise 

über Nacht

auf dein Jetzt und Hier legt

das Schöne einfriert

und das flüchtige Glück 

auf die Linse und ins Herz prägt

bis zum Morgentau 

Träume

Träume träumen. Als Raum für Möglichkeiten und Zukunftsmusik, für Was-wenn-doch und mich. Träume wie Schäume, warm und schillernd, zerbrechlich und wunderschön. Die Realität darf gern mitkommen, wenn sie sich mit einer Komparsenrolle zufriedengibt. Vielleicht lernt sie ja was dazu.

Träume hüten. In der Schublade („il sogno nel cassetto“ heißt ein Herzenswunsch auf Italienisch), an der Pinnwand, im Browser oder Notizbuch. Papier ist geduldig. Träume nicht immer. Aber manchmal müssen sie trotzdem warten. Und freuen sich doch immer über Besuch.

Träume teilen. Dolmetscherinnen und Verbündete suchen. Begeisterungsfunken überspringen lassen. Am Feuer sitzen mit Geschichten von Gewolltem und Gewordenem. Sich eine Weile wärmen an den Träumen der anderen. Bestärkt weiterziehen.

Träume übersetzen. In Pläne und Zeit, in Mühe und Liebe, in Mut und ehrliche Fragen. Die Träume aus der Schublade ins Leben hineinbuchstabieren. Vielleicht ja auch erstmal auf Probe.

Träume loslassen. Wenn sie zu groß und bestimmend werden. Wenn sie nicht mehr zu mir passen (oder ich nicht mehr zu ihnen). Wenn sie ein Eigenleben entwickeln und mich gar nicht mehr brauchen. Manche nennen es Wankelmut. Ich nenne es Wachstum. Und träume weiter... 

Österlich gestimmt

frühlingswach

hellaufbegeistert

kirschblütenzart

magnolienprächtig

forsythienfroh

hefemollig

amselliedhell

taufrisch

lebensverliebt

todesbewusst

auferstehungsgewiss

Am Anfang

 

Am Anfang war das Wort. 

Das Wort...

Welches Wort?

 

Liebe? Ursprung? Heimat? Glück? Wurzel? Gott? Ruhe?

 

Oder: 

Machen? Suchen? Sprechen? Hüten? Lachen? Herzen? Verheißen?

 

Oder: 

Geborgen? Wohlig? Erfüllt? Neugierig? Aufbrausend? Süß? Kostbar?

 

Oder: 

Jene? Dieser? Ich? Du? Wir?

 

Ich weiß es nicht.

Und muss es nicht wissen. 

Das Geheimnis 

braucht keinen Namen.

Am Anfang.